Philosophie und Politik
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PEACE BRIGADES INTERNATIONAL
Die Sonne brannte mir auf mein Haupt, ich musste unbedingt irgendwo Schatten finden. Außerdem lechzte ich nach Wasser, jeder Tropfen würde ein Segen sein. Die Breite Sandstraße führte Endlos in den Horizont hinein, links und rechts von unserem Weg waren vereinzelt Büsche und verdorrte Bäume zu sehen, ansonsten wirkte die Gegend beängstigend kahl. Mein Begleiter “Jose Martin“, Gewerkschaftsführer der P.U. –Pueblo Unida- und auf der Todesliste der Paramilitärs stehender Familienvater von 3 Töchtern, schien die Hitze und die endlose Wanderung nichts auszumachen. Ich schnaufte und nahm meine letzte Nuss zu mir. Kaute darauf rum und hoffte somit nicht mehr an den Durst denken zu müssen. Jose schien meine Anstrengung endlich zu bemerken, er blickte mich sanft an und gab mir seinen Anteil an Nüssen und Rosinen in die Hand, drückte dabei freundschaftlich meine Schulter und nickte. Ich freute mich sehr darüber und dankte ihm mit einem : Muchas Gracias Companero.
Beim marschieren kam beiläufig ein Gedanke in meinen Sinn: was wohl meine Freunde in Deutschland tun werden? Gibt es dort das alte sinnlose Dahintreiben der Freundeskreise, auf irgendwelchen Parties sich der Arroganz und Dekadenz verschreibend seinen Spaß zu besorgen? Nun, wenn das so ist versäume ich überhaupt nichts weiter als Alkoholexzessen, Freunde die mit der Partnerin des besten Freundes schlafen und sonstige Drogenkicks die ein nur weiter in den Strudel von Narrheit und Sinnlosigkeit ziehen. Als ich das gedacht hatte, macht mir die Sonne irgendwie gar nicht mehr zu schaffen. Irgendwie spürte ich den Durst gar nicht mehr. Nach dieser Gedankenanalyse, fand ich diese momentane Aufgabe im Leben, die ich gerade mit Jose Martin erlebte ziemlich spannend und Sinnerfüllend.
Gerade wollte ich meinen Begleiter nach einer Pause fragen, als wir beide von hinten ein Motorengeräusch hörten. Ich erschauderte in diesem Augenblick aus irgendeinem Grund. Ein beängstigendes Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus. Jose wurde ebenfalls unruhig. Wir blieben am Straßenrand stehen und warteten ab, bis wir das Fahrzeug identifizieren konnten. Leider blendete die Sonne uns beide so sehr, das wir den LKW erst 100 Meter von uns entfernt erkennen konnten. Es handelte sich um ein Militärfahrzeug. Mein Herz klopfte ein wenig, ich blieb aber gelassen und hoffte das der Laster einfach vorbei fahren würde. Aber er hielt an…
„PASSAPORTE“-schrie der Soldat uns an, der mit gezuckter MP vor uns stand. Hinter ihm vom LKW herabsteigend 3 weitere Soldaten ohne Militär-Abzeichen an ihren Jacken und ohne behördlichen Helmen. Dies konnte nur bedeuten, das wir uns in den Händen der Auto Defensia befanden, der Paramilitärs! Zitternd überreichte ich dem hart dreinschauenden Mann meinen Pass. Er durchblätterte ihn über 5 Minuten und ich hoffte nur alles würde friedlich enden. Ich bekam meinen Pass zurück und erleichtert atmete ich aus. Als Jose seinen Pass dem Mann überreichte, überstürzten sich die Ereignisse. Sie fingen sofort an sich zu streiten, tobende Spanische Worte waren zu hören, irgendwas brachte Jose dazu zu schreien und zu verneinen, während der Soldat auf irgendetwas bestand. In diesem Wirrwarr, wo beide sich anbrüllten, fühlte ich mich wie gelähmt. Ängstlich trat ich einen Schritt auf beide zu. Que passa ? Rief ich dazwischen aber niemand hörte auf mich. Stattdessen umringten uns die 3 anderen Soldaten und schoben uns ihre MP Läufe unter die Nase. Eine Ahnung wurde in mir erregt, als wenn irgendeine Katastrophe nahend bevorstand. Was für ein Moment der Angst. Ein Schuss und ich würde meine Freunde, meine Familie und meine Gemeinde nie mehr wieder sehen. Jedenfalls nicht auf dieser Welt. Jose schwieg jetzt und wurde von dem Soldaten vor ihm angeschrieen und als Guerillero beschimpft. Wenn jemand als Rebell beschimpft wird ist das in diesem Land eigentlich sein Todesurteil. In solchen Momenten gibt es so etwas wie eine Zeitlosigkeit, die Welt dreht sich nicht mehr. Gedanken und Zustände sind eigentlich nicht mehr wahrzunehmen. Man obliegt den Entscheidungen von Menschen, die sich zur Aufgabe gemacht haben, die Welt, von in ihren Augen Unheil, zu befreien. Jose bekam eine heftige Backpfeife und es knallte dabei so laut das ich schon dachte sie hätten auf ihn geschossen. Aber außer das ich zusammenzuckte und innerlich flehte, passierte nichts. Alles blieb für einen Moment still. Dann führten die Soldaten uns grob zu ihrem LKW. Die Augen wurden uns auf dem Laster sofort verbunden und so konnte ich die Fahrt nur noch mit dem Gehör wahrnehmen. Es gab kaum Gespräche im LKW. Wir fuhren etwa eine halbe Stunde nur geradeaus, dann bog der LKW in eine Abzweigung ein und es hoppelte auf diesem Weg stark, so als wenn er geradewegs über Dschungelgebiet fahren würde. Nach weiteren 20 Minuten hielt der Wagen an. Wir wurden aus dem Wagen geschupst und endlich nahm man uns die Augenbinden ab. Die Sonne blendete uns stark. Im Urwald um uns herum zwitscherten verschiedene Vögel.
Ich fragte Jose sofort ob alles in Ordnung wäre und glücklicherweise bejahte er. Um uns herum standen Hütten, einige Steinhäuser und viele Militärfahrzeuge ohne Abzeichen der Regierung. Ich fühlte meinen Schweiß am ganzen Körper hinunterlaufen. Überall waren Soldaten, einige schauten abfällig zu uns herüber, spuckten dabei aus und machten Gesten, ähnlich wie das durchschneiden von Kehlen. Mein Gott, dachte ich und war erschrocken über den Hass in ihren Augen. Wir standen einfach ohne Aufsicht herum. Unsere Soldaten vom LKW waren in irgendwelchen Häusern verschwunden. Jose sagte zu mir, das ich ganz ruhig bleiben sollte, und das sie uns sicherlich nur verhören werden und dann wieder freigeben würden. Er lächelte gezwungen und beruhigte mich! Eigentlich war das meine Aufgabe! Hier in diesem Land dafür zu sorgen das er beruhigt seiner Arbeit nachgehen kann. Ich war doch der, der ihm Sicherheit vermitteln wollte. Jetzt war es andersherum. Der altväterische Gewerkschaftler schien so ruhig und gelassen zu sein, wie beim Einkaufen in der Hauptstadt vor 2 Tagen. Jemand tippte mir auf die Schulter. Ich sah in das Gesicht eines älteren, vielleicht schon pensionierten Mannes. Seine Begleiter waren 5 in Zivil gekleidete Männer mit kurzgeschorrenen Haaren und Sonnenbrillen. „Kommen Sie beide mit.“ Befahl er rau. Jose und ich folgten dem Mann über das Gelände. Mir kamen die Vietnamfilme in den Sinn, dieses Camp glich total den Filmen im Kino, wo G.I.’s sich vorbereiteten auf die große Schlacht..nur hier war kein Kino, kein Film den ich mir ansah. Nur Wirklichkeit. Wir wurden in die Kommandantur geführt. Es war ein großes weißes Haus vor dem einige Zivilwagen standen. Wir betraten das Haus und eine Wache führte uns zur Eingangshalle. Eine gemütliche Einrichtung ließ zu hoffen übrig, dass hier jemand mit Familie wohnt. Ich hoffte sehr auf den Zustand das der Chef der Paramilitärs vielleicht mit Familie hier wohnen würde, dann würde er doch sicherlich verstehen, das Jose und ich….ich meine.. er ist doch dann auch Familienvater und kein Mörder!,..also hoffte ich einfach darauf Kinder zu sehen oder eine Ehefrau beim kochen, oder sonst eine Idylle die mein Herz wieder sanfter schlagen lassen würde. Wir wurden in einen großen leeren Raum geführt. Außer den 5 Wachleuten und ihrem „CIA look a like“ verschnitt war nur ein länglicher Tisch ohne Stuhl im Raum. Keine Bilder, keine Fenster. Die Wachleute schwiegen. Mir war mulmig. Ich flüsterte zu Jose der neben mir stand: Jose, was wird nun geschehen, was war los vorhin, warum der Streit? Lieber Freund, begann Jose, alles wird gut enden, es war eine Meinungsverschiedenheit, die Soldaten dachten das ich ein gesuchter Rebell sei, und ich machte deutlich das ich nichts mit Rebellen zu tun habe, sondern das ich Bauer aus der Gemeinde um Solentiene bin und das du mein Freund aus Europa bist, der mich zur Tagung der Werktätigen in San Juan begleitet. Also mach dir bitte keine Sorgen, es wird alles gut enden. Jose lächelte krampfhaft. Aber irgendwie schaffte er es durch seine ruhige Art mich zu beruhigen. Nach etwa 5 Minuten sprang die Tür hinter uns auf und einige Uniformierte Männer erschienen. Der ältere Herr in der Mitte war der Mann der mir auf die Schulter getippt hatte. Sie standen vor uns mit unseren Pässen in den Händen. Musternd starrten sie uns an. „Wollt ihr uns an der Nase herum führen?“ fragte der Mann in der Mitte gereizt. Jose und ich verstanden nicht was er wollte. „Ein alter Mann aus Solentiene und ein Europäer zusammen auf dem Weg in die große weite Welt, oder was? Schwachsinn! Was ist eure Aufgabe, seid ihr Kuriere? Redet oder es passiert euch ein Unglück.“ Jose rieb verlegen seine Nase. Ich starrte auf den Boden und wusste genau, dass sie uns nicht glauben würden. Mir war es eh mit meinem Spanisch zu ungenau und so wartete ich einfach ab, Jose sagte aber auch nichts und schwieg. Sie musterten uns und tuschelten dann hinter vorgehaltener Hand. Ich blickte zu Jose, er schaute einfach auf den Boden und wartete ab. Seinen Sombrero hielt er vor sich am Bauch und mit beiden Händen umklammerte er ihn, als wenn er ihn um Rat bitten würde..doch der Hut schwieg, ich sah ihn fassungslos an. „Wollt ihr gleich begraben werden? einer von euch redet jetzt gefälligst..? brüllte der ältere Mann los. Ich dachte daran loszuheulen, oder um Verständnis zu bitten, da mein Spanisch nicht ausreichen würde, doch irgendetwas in mir lies mich einfach schweigen. Ich wollte ja etwas zu unserer Entlastung sagen, aber irgendwie streikte mein gesamtes Bewusstsein. Wenn sie herausbekommen würden das Jose, der Gewerkschaftsführer der P.U. ist:, dann legen die uns um. Ich war gelähmt. Jose war gelähmt. Nur Gott konnte uns aus dieser Situation noch retten. Keiner sprach von uns ein Wort. „Meine Herren, würden Sie das als Schuldgeständnis deuten.“ Sagte der Chef zu seinen umstehenden Generälen oder was auch immer diese Leute waren. Alle nickten, murmelten und sagten SI, SI. Selbst die 5 Wachleute, die an der Tür wache hielten, diese `CIA look a likes` gaben ihr SI SI dazu. Auf einmal schwappte es aus mir heraus: „No, No Senor, und dann auf englisch weiter: „ Wir haben niemandem etwas getan, wir sind hier weil wir die Tagung der Werktätigen in San Juan besuchen wollen, ehrlich, dies ist die Wahrheit-verschonen Sie uns mit ihrem Krieg, ich möchte meinen Sommer in diesem Land verbringen und mein Freund hier neben mir zu dieser Veranstaltung begleiten, das ist alles, wir sind keine Rebellen, wir sind Friedensfreunde.“ Erstaunt darüber das meine Worte aus mir heraussprangen, ohne das ich sie vorher in meinen Gedanken geformt hatte, verstummte ich plötzlich. Dabei hielt ich auch noch beide Arme nach oben ausgestreckt, so als wenn ich unsere Unschuld beteuern wollte. All das machte ich völlig zwangsläufig und konnte den
Moment gar nicht aufhalten. Jose wunderte sich und biss sich angespannt auf die Unterlippe. „So so, unser „Inglesia“ scheint wohl zu glauben das er mit seinem Leben davon kommt. Mein Freundchen, ich erkenne Linksgerichtete auf 1000 Meter Entfernung, ich habe beim Militär in einer Sondereinheit gedient wo wir viele hunderte von euch aufgespürt haben und zwar im ganzen Land. Ich kenne sie alle, und ihr Beiden, Opalein Unschuld und das Söhnchen aus Europa – die Tour zieht nicht-klaro?! Es ist nicht die Frage wer ihr seid, sondern was euer Auftrag ist. Ich gebe euch 2 Minuten zeit zu reden ansonsten…Pedro zieh die Waffe…“ Jose schüttelte den Kopf und sprach irgendetwas von AVE MARIA.. während ich ängstlich an ein Leben nach dem Tod dachte:, wo wird es hingehen? Was wird Gottvater mit mir machen wenn ich im Jenseits sein werde? Ich habe doch noch so viel zu erleben..ich meine ich bin doch noch Jung, es gibt da doch noch Menschen denen ich Begegnen könnte.. ..und meine Familie, und Jose? Was ist mit seiner Familie, seine Frau, sie kümmern sich doch so fürsorglich um ärmliche Campensinos und deren Verhältnisse und haben in der guten Stellung der Landesweiten Gewerkschaft doch die Möglichkeit vielen Menschen zu helfen. Und jetzt sollte er ..nein dafür das er sich nun für die Besitzlosen einsetzt kann er doch unmöglich exekutiert werden- das ist zu schrecklich wenn er so stirbt.. Oh, ich weis nicht ob ich mit meinen Gedanken einfach nur Gott davon überzeugen wollte uns ein Wunder zu schicken, aber auf alle fälle versuchte ich Argumente gegen den bevorstehenden Tod zu finden. Verzweifelt klammerte ich mich mit den linken Hand an Jose, er stand nur da und traute sich nicht mir in die Augen zu blicken, und ich wusste warum:, weil er wusste das er der Grund sein würde für meinen kommenden Tod. Er schämte sich in diesem Augenblick dafür. Und dafür das er so politisch war, das irgendein Europäer, der in seinem Land mit den Friedensbrigaden etwas Gerechtes tun wollte –nun für sein Land sein Leben lassen musste. Eines war klar, würde Jose reden, könnte er wohl darauf hoffen das ich vielleicht mit dem Leben davon kommen würde, während seine Familie, Freunde und vielleicht sogar sein ganzes Dorf durch seinen Verrat ihr Leben lassen müßten. Ich wusste es vorher. Er konnte nicht anders und doch wünschte ich innerlich das er zugeben würde wer er war, so das ich jedenfalls am Leben bleiben konnte. Das ist nicht heldenhaft. Aber in solchen schrecklichen Momenten sind die Gefühle regierend und das Gewissen etwas unterdrückt. Wer möchte schon gern sterben?
Pedro zielte auf Jose, er hob den Arm und ich bekam einen Schock, sah mich in einem Nebel von Erinnerungen gefangen; Bilder huschten an mir vorbei, Kindheit und Jugend, meine Eltern, mein Bruder, meine Freundin von damals, die Zeit die wir miteinander teilten, irgendeine Geburtstagsfeier von einem Freund, meine netten Stunden in der Stadt..alles zog an mir vorüber. Dann der Schuss. Der Knall lies die Gedanken zerplatzen. Jose sank auf die Knie. Ich schrie-und brüllte so laut das meine Stimmbänder zu zerreißen drohten. Schmerz und Trauer bildeten ein Gefühl, aus dem ich nur noch bestand. Keine Sinneswahrnehmung mehr. In Tränen getaucht sah ich auf den Boden zu Jose. Er kniete noch immer am Boden, kein Blut war zu sehen, stattdessen sah ich ihn die händefaltend auf dem Boden beten. Er murmelte etwas vor sich hin und war zum Glück nicht Tot. Ich konnte mich schwer beruhigen, schluchzte, und sprach: Jose…Jose,..Jose.. Er blickte auf und sah mich an. Fassbar war der Moment gerettet. Er lebte! Er klammerte sich mit den Händen an mein Hosenbein und sprach leise: Alles ist gut, sie blaffen nur.. „Nun gut meine Herren, wir scheinen es hier wohl wirklich mit Freunden zu tun zu haben.“ Alle nickten wieder und sprachen ihr obligatorisches SI, SI..Gebt ihnen ihre Rucksäcke wieder und fahrt sie in die nähe von San Juan. Mit diesen Worten trabte die ganze Meute aus dem Zimmer. Unterwegs erzählten mir die „Paras“ (die Soldaten), das ihr Chef das immer so machen würde, er lässt Pedro in die Wand zielen und dann schreien die Linksgerichteten entweder „El Pueblo unido Trabajadores y Campensinos“ und der nächste Schuss trifft dann ihr Herz, oder sie verraten sich durch sonstige Äußerungen. Ich staunte darüber, mein Soldat neben mir grinste und packte mich bei der Schulter, klopfte erst mir dann Jose freundschaftlich auf die Schulter. Sie gaben uns noch Proviant mit für den Fußmarsch und 2 Liter Wasser. Verabschiedeten sich höflich und hörten nicht auf zu grinsen. Vielleicht waren auch sie erleichtert das 2 Menschen weiterleben konnten. Als sie davon fuhren, war ich so glücklich über mein Neues Leben, das ich Jose umarmte und wir zu tanzen begannen,.. immer wieder lachten wir und sprangen im Kreis auf der endlosen Straße in Richtung San Juan. Was für ein Glück..
Manu Loganey
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